Stellungnahme der FDP-Fraktion Norderney zum evangelischen Kindergarten

Der Kindergarten am Kap braucht neue Struktur, Verlässlichkeit und mehr politische Kontrolle

„Offenes Konzept: alles immer offen“

Die FDP-Fraktion Norderney nimmt die Diskussion im jüngsten öffentlichen Sozialausschuss mit großer Sorge, aber auch mit wachsender Verärgerung zur Kenntnis. Was dort von Eltern, Ausschussmitgliedern und Beteiligten geschildert wurde, ist kein bedauerlicher Einzelfall mehr und auch kein Thema, das man erneut vertagen darf. Es geht um grundlegende Mängel in der pädagogischen Arbeit, um fehlende Verlässlichkeit im Alltag der Kinder und um erhebliche Defizite bei der Vorbereitung auf die Schule.

Wenn im Ausschuss offen darüber gesprochen wird, dass es Kindern an Sprachfähigkeit, Feinmotorik und sozialen Kompetenzen fehlt, dann ist das ein Alarmsignal. Wenn Eltern berichten, dass ihre Kinder von morgens bis nachmittags im Kindergarten sind, ohne verlässliche Bezugsperson, ohne klare Rituale und ohne erkennbares Konzept, dann ist das nicht hinnehmbar. Und wenn selbst aus der Elternschaft und der Grundschule der Wunsch nach mehr Struktur, klaren Regeln und einer verbindlichen Vorschularbeit deutlich formuliert wird, dann zeigt das vor allem eines: Das Vertrauen in die bisherige Praxis ist massiv erschüttert.

Die Probleme bestehen nicht erst seit gestern – sie begleiten den Kindergarten seit rund 20 Jahren

Aus Sicht der FDP-Fraktion ist besonders gravierend, dass die jetzige Kritik nicht neu ist. Im Gegenteil: Die Situation wird nach unserer Wahrnehmung und nach den Berichten vieler Eltern seit rund 20 Jahren immer wieder ähnlich beschrieben. Seit Einführung des offenen Konzepts gab es immer wieder dieselben Klagen: zu wenig Struktur, zu wenig Verbindlichkeit, zu wenig Orientierung, zu wenig gezielte Förderung.

Dass die Kritik nie mit voller Wucht in der Öffentlichkeit angekommen ist, liegt aus unserer Sicht auch an einem fatalen Reflex: Viele Familien denken, man müsse diese drei Kindergartenjahre irgendwie überstehen, dann sei das Thema erledigt. Genau dieses Wegducken hat aber dazu geführt, dass sich an den grundlegenden Problemen über Jahre zu wenig geändert hat.

Was sich über zwei Jahrzehnte immer wieder wiederholt, ist kein Kommunikationsproblem mehr und auch kein Missverständnis. Es liegt ein strukturelles Problem vor.

„Offenes Konzept: Kinder werden sich selbst überlassen“

Das offene Konzept muss endlich ehrlich bewertet werden

Das sogenannte offene Konzept wurde vor rund 20 Jahren auf Norderney eingeführt und mag in Zeiten personeller Engpässe organisatorische Vorteile haben. Entscheidend ist aber nicht, was ein Konzept theoretisch leisten soll, sondern was es im Alltag der Kinder tatsächlich bewirkt.

Und genau hier fällt die Bilanz aus Sicht der FDP ernüchternd aus. Die Kritik, der Kindergarten sei über weite Strecken eher eine Verwahranstalt als ein Ort verlässlicher frühkindlicher Bildung, steht seit Jahren im Raum. Sie wurde nie wirklich ausgeräumt. Die jüngsten Aussagen im Sozialausschuss zeigen vielmehr, dass diese Kritik bis heute fortbesteht.

Ein Konzept, das über Jahre so viel Unzufriedenheit erzeugt, muss nicht verteidigt, sondern grundlegend hinterfragt werden. Es darf nicht länger darum gehen, ein Modell um jeden Preis zu erhalten, wenn Eltern und am Ende auch die Kinder die Folgen tragen.

FDP fordert Rückkehr zu festen Gruppen

Kinder brauchen feste Gruppen, feste Bezugspersonen, feste Abläufe und feste Rituale. Gerade im Kindergartenalter sind Verlässlichkeit, Bindung und Orientierung keine Nebensache, sondern die Grundlage jeder guten pädagogischen Arbeit.

Ein Kindergarten darf nicht davon leben, dass man strukturelle Mängel mit dem Schlagwort Flexibilität kaschiert. Kinder müssen wissen, wer für sie zuständig ist. Eltern müssen darauf vertrauen können, dass ihre Kinder in einem klaren pädagogischen Rahmen begleitet werden. Dazu gehören aus unserer Sicht selbstverständlich auch ein verbindlicher Morgenkreis, ein Abschlusskreis, klare Regeln im Alltag und eine erkennbare Tagesstruktur.

Die Vorschularbeit ist unzureichend – das darf nicht länger schöngeredet werden

Besonders schwer wiegt für uns die Situation bei der Vorbereitung auf die Grundschule. Wenn Kinder den Kindergarten verlassen, ohne ausreichend in Sprache, Motorik und Sozialverhalten gestärkt worden zu sein, dann ist das nicht nur ein Problem für die Schule, sondern ein massives Versäumnis im Kindergarten selbst.

Die FDP-Fraktion sagt deshalb deutlich: „Die derzeitige Vorschularbeit reicht nicht aus. Hier muss endlich verbindlich, systematisch und mit einem klaren Anspruch gearbeitet werden. Jedes Kind auf Norderney hat das Recht auf einen guten Start in die Schule. Dazu gehören Sprachförderung, soziale Regeln, Konzentrationsfähigkeit, motorische Entwicklung und das Erlernen eines geregelten Miteinanders.“

Wer öffentlich finanziert wird, muss sich auch öffentlich verantworten

Hinzu kommt ein Punkt, der politisch nicht länger ausgeblendet werden darf: Der evangelische Kindergarten wird durch öffentliche Mittel und Elternbeiträge finanziert. Nicht die Kirche trägt die Hauptlast, sondern im Wesentlichen die Allgemeinheit.

Daraus folgt für die FDP-Fraktion unmissverständlich: „Wo überwiegend öffentliches Geld fließt, muss es auch im hohem Maße öffentliches Mitspracherecht, politische Kontrolle und Transparenz geben. Es kann nicht sein, dass die öffentliche Hand fast vollständig zahlt, aber bei grundlegenden Fragen zu Struktur, Qualität und Ausrichtung nur eingeschränkt Einfluss nimmt. Die Politik ist gefordert!“

Der Sozialausschuss muss regelmäßig tagen – mindestens zwei Mal im Jahr

Die FDP-Fraktion fordert außerdem mit Nachdruck, dass der Sozialausschuss regelmäßiger tagt, und zwar mindestens zwei Mal jährlich und bei Bedarf öfter. Ein so wichtiges Thema wie der Kindergarten darf nicht nur dann aufgerufen werden, wenn der öffentliche Druck zu groß wird. Kindergartenpolitik braucht Kontinuität, Kontrolle und Verbindlichkeit.

Die FDP fordert, dass der Kindergarten künftig verpflichtend im Sozialausschuss berichtet und insbesondere Aussagen zu:

Es reicht nicht, Probleme zur Kenntnis zu nehmen. Sie müssen regelmäßig politisch begleitet, kontrolliert und bewertet werden.

Der Kindergarten ist nicht nur sozial wichtig, sondern auch wirtschaftlich

Der Kindergarten ist nicht nur eine soziale Einrichtung, sondern auch ein zentraler Standortfaktor für Norderney. Gute und verlässliche Kinderbetreuung ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass Eltern arbeiten können, Familien auf der Insel bleiben und Fachkräfte überhaupt dauerhaft auf Norderney leben und tätig sein können.

Wer über Wirtschaft, Fachkräftemangel, Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit der Insel spricht, darf den Kindergarten nicht als Nebenthema behandeln. Eine funktionierende Kinderbetreuung ist wichtiger Teil der sozialen Infrastruktur und zugleich Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur. Wenn Betreuung unzuverlässig ist, wenn Qualität fraglich ist und wenn Eltern das Vertrauen verlieren, dann hat das direkte Folgen für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und den gesamten Standort Norderney. Auch die Betreuung in Ferienzeiten ist an einem Tourismusstandort eine Aufgabe die geleistet werden muß – Geld hierfür ist wesentlich besser ausgegeben als zum Beispiel für luxuriöse Jugendprojekte mit einer extrem kleinen Zielgruppe.

Gerade auf einer Insel, auf der Personalgewinnung ohnehin schwierig ist, kann man sich eine schlechte oder seit Jahren umstrittene Betreuungssituation sich schlicht nicht leisten. Ein guter Kindergarten ist daher immer auch gute Wirtschaftspolitik.

Die FDP-Fraktion Norderney fordert deshalb:

Seit rund 20 Jahren gibt es Kritik am offenen Konzept, an fehlender Struktur und an mangelhafter Vorschularbeit. Die jüngsten Berichte aus dem Sozialausschuss zeigen, dass diese Kritik nicht vergangen ist, sondern bis heute fortbesteht.

Die FDP-Fraktion Norderney erwartet deshalb ein entschiedenes Umsteuern. Der Kindergarten am Kap darf keine Dauerbaustelle bleiben. Er muss wieder das werden, was er sein soll: ein verlässlicher Ort der Betreuung, Bildung und Vorbereitung auf das Leben und auf die Schule.

Die FDP Norderney wird den Kindergarten in den zukünftigen Sitzungen des Sozialausschusses und des Verwaltungsausschusses auf die Tagesordnung setzen lassen und die Entwicklung begleiten, gleichzeitig werden wir mit Eltern die Situation beobachten und uns für eine Neuausrichtung des Kindergartens einsetzen.


Erklärung offenes Konzept / geschlossenes Konzept / teiloffenes Konzept

Im geschlossenen Konzept gehören Kinder zu einer festen Gruppe mit festen Bezugspersonen und klaren Abläufen. Das schafft Orientierung, Verlässlichkeit und Sicherheit.

Im teiloffenen Konzept bleiben feste Gruppen erhalten, zugleich gibt es zeitweise geöffnete Angebote und Räume. Es verbindet Struktur mit mehr Wahlmöglichkeiten.

Im offenen Konzept können Kinder sich frei zwischen Räumen und Angeboten bewegen. Das kann Selbstständigkeit fördern, ist pädagogisch aber deutlich anspruchsvoller. Es setzt ausreichend Personal, klare Regeln, geeignete Räume, feste Bezugspersonen und eine enge Abstimmung im Team voraus.

Entscheidend ist nicht, welches Konzept am modernsten wirkt, sondern ob die Einrichtung den Kindern unter den tatsächlichen Rahmenbedingungen Sicherheit, Orientierung und gute Förderung bieten kann.


Expertinnen-Einschätzung* zum offenen Kita-Konzept Norderney, Personalbedarf, Rituale und Bezugspersonen:

„…….Ohne die Kita zu kennen und mit allen gesprochen zu haben, kann ich nur meine persönliche Einstellung zum offenen Konzept wiedergeben. Dieses Konzept kann gut funktionieren, wenn ein ausreichender Personalschlüssel und kompetente MitarbeiterInnen vor Ort sind. Es braucht viel Organisation und Planung, damit dieses Konzept gut funktioniert. Ohne dieses und ohne die Anbindung an Stammgruppen bzw. feste Bezugspersonen sind viele Kinder überfordert. In diesem Alter können sich die Kinder noch nicht ausreichend selbst organisieren. Es braucht viel Struktur im Alltag, an der sich die Kinder orientieren können. Dazu zählen auch wiederkehrende feste Rituale (z.B. Stuhlkreise) und Orientierung im Kita-Alltag (z.B. durch Bildkarten etc.). Es gibt sehr unterschiedliche Modelle, wie z.B. gruppenübergreifende Angebote. Aber auch dies benötigt viel Vorbereitung und damit Zeit, die die Erzieherinnen oft nicht haben. Ich kenne mich in dem niedersächsischen System nicht aus. In xy würden wir zunächst eine Fachberatung einladen. Diese würde sich dann mit allen Beteiligten das Konzept ansehen und ggfls. gemeinsam neue Wege/Konzepte erarbeiten. Leider kann ich aus der Ferne nicht viel mehr dazu sagen………“

*Die Expertin ist in der Qualitätsentwicklung und Programmbegleitung für Kindertagesstätten und Kinderkrippen als vorgelagerte Behördeninstanz in einem Bundesland tätig.


Links:

Eigendarstellung und Infos zum Kindergarten Norderney

Norderney Kirchengemeinde Kindergarten

Erklärvideo -offenes/geschlossenes Konzept

Pro und contra – Voraussetzungen offenes Konzept

Rückblick – Probleme im Kindergarten 2010

Fotos: Kindergarten am Kap Norderney


14. März 2026

Alle Beiträge Drucken